Goodbye, Ghana! Hello Kenia! Hinter mir liegt eine kurze (schlaflose) Nacht und vor mir ein langer Tag. Wir flogen um 20:40 Uhr von Accra/Ghana – Westafrika – nach Nairobi/Kenia – Ostafrika.
Die Zeitverschiebung beträgt drei Stunden, wir landeten also nach 6,5h Flug um 2:25 Uhr ghanaischer Zeit, 5:25 Uhr lokaler Zeit, und hatten alle sehr kleine Augen. Bis man so draußen ist (Impfpass- und Temperaturkontrolle am Healthcheck, Pass und Zoll), war es kurz vor 7 Uhr, im morgendlichen Stau brauchten wir eine Stunde bis zum Hotel, wo wir knapp 30 Minuten für Checkin, Umziehen und Frischmachen hatten. Um 8:30 Uhr erwartete uns Botschafterin Annett Günther zum Briefing. Sie gehört zu den mageren 13% weiblichen Botschaftern Deutschlands und sie stammt sogar aus Ostdeutschland (Gera) – das dürfte eine äußerst seltene Kombo sein.

Ihre Botschaft ist sehr groß, denn sie ist auch für die Seychellen und Somalia zuständig. Sie berichtete uns viel über das Land, die aktuelle politische und sonstige Lage, von Demographie bis Korruption. Jedes Jahr kommen eine Million Kinder zusätzlich in das Bildungssystem, das stellt das Land vor enorme Herausforderungen, auch weil die Jugendlichen irgendwann Arbeit suchen, von der es zu wenig gibt. Heute haben wir ein buntes Programm, zuerst gehts ins Kenianische Parlament zu einem Treffen mit dem Bildungsausschuss, dann zum Goethe-Institut, anschließend ins Bildungsministerium, von dort zur Strathmore Universität, wo wir das iLab Africa und die Solar Akademie besuchen und zum Schluss gibt es abends einen Empfang bei der Botschafterin, wo viele Aktive aus Entwicklungszusammenarbeit, Bildung, politischen Stiftungen, DAAD etc. eingeladen sind.

Der Sitzungssaal des kenianischen Senats

Nach dem morgendlichen Briefing zu Kenia durch Botschafterin Annett Günther trafen wir Vertreter*innen des Bildungsausschusses des Senats.
In Kenia besteht das Parlament aus zwei Kammern, der Nationalversammlung und dem Senat. Wir haben heute beide getroffen, zuerst den Senat. Man erzählte uns, dass Deutschland das 1. Land war, das 1963 die Unabhängigkeit Kenias anerkannte. Dafür ist man heute noch dankbar, und deshalb hat die deutsche Botschafterin das bemerkenswerte Autokennzeichen „1 – CD“.

Treffen mit Vertreter*innen des kenianischen Senats

Vor allem sprachen wir über Bildungsthemen, und wie in Ghana lag der Schwerpunkt auf der Berufsausbildung. Auch in Kenia möchte man das duale System à la Deutschland einführen, weil man glaubt, dass das ein wichtiger Schlüssel zur Industrialisierung des Landes ist. 55 Kooperationen zwischen kenianischen und deutschen Bildungseinrichtungen gibt es schon, aber gerade im Bereich der technischen Berufsausbildung soll diese Kooperation ausgebaut werden. Eine kenianische Abgeordnete fragte uns, wie man politische Widersprüche in einem föderalen System auflöst, gerade im Bereich der Bildung.

Da konnten wir leider auch nicht mit einer goldenen Lösung kommen, denn wir haben in Deutschland ja das gleiche Problem. Auch die Angleichung der Lebensverhältnisse von Städten und ländlichen Räumen ist ein Problem, das sich gleich anhört in beiden Ländern, aber in Kenia natürlich viel ausgeprägter ist. Am meisten beeindruckten mich die schieren Zahlen.

In Kenia leben knapp 50 Millionen Menschen. 30% davon befinden sich im Schulalter, 1 Million allein in der achten Klasse, durch das Bevölkerungswachstum sind in der Vorschule schon 2 Millionen Kinder. Ein Drittel des nationalen Haushalts fließt in die Bildung. Sie hat die höchste Priorität.
Im Senat beträgt der Frauenanteil übrigens 31 %, in der Nationalversammlung nur knapp über 20%. Das haben wir auch bei der Zusammensetzung unserer Meetings bemerkt.

Der Sitzungssaal der kenianischen Nationalversammlung

Im gleichen Gebäude wie der Senat befindet sich auch das nationale Parlament von Kenia. Wir besichtigten seinen Parlamentssaal (er ist ganz schön protzig) und trafen anschließend Vertreter*innen des Bildungsausschusses an einem runden Tisch, Von kenianischer Seite waren nur zwei weibliche Abgeordnete vertreten.
Wir sprachen viele ähnliche Themen an wie zuvor im Senat, das liegt ja beim gleichen Thema auch auf der Hand. So war wieder viel von notwendigen Verbesserungen und dem Ausbau der technischen Berufsausbildung die Rede, es ist offensichtlich aktuell der wichtigste Bildungsschwerpunkt.

Der Innenhof der kenianischen Parlamentsgebäude

Botschafterin Annette Günther bestätigte, dass auch in der formellen Kooperation zwischen beiden Ländern, Kenia und Deutschland, berufliche Bildung seit Januar 2019 der Schwerpunkt der Kooperation sei. Abgeordnete fragten uns, wie man in Deutschland dafür sorgt, dass Menschen im ländlichen Raum leben bleiben, gute Bildung bekommen und Arbeitsmöglichkeiten haben.
Wir haben vom Digitalpakt erzählt, ich habe aber auch betont, wie wichtig gute Mobilität ist, und auch, dass Digitalisierung die Basis für neue kreative Möglichkeiten von Beschäftigung auf dem Land sein kann. Bei der Gelegenheit habe ich vom künftigen Kodorf in Wiesenburg in meinem Wahlkreis erzählt.

Dort sollen neue Häuser entstehen, gemeinsam mit Coworkingspaces, und geteilter Infrastruktur für alles, was man so brauchen kann, wenn man zum Beispiel freiberuflich arbeitet und gar nicht pendeln muss. Das schafft nicht für alle Arbeitsplätze, aber es ist eine Möglichkeit von vielen. Man hatte sich das sehr interessiert angehört. Wir wurden dann zum Mittagessen eingeladen, waren aber schon beim Goethe-Institut eingeplant. Also teilte sich unsere kleine Gruppe, Einige gingen mit den Parlamentariern Mittagessen, andere spazierten zum Goethe-Institut.

Karte

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[leaflet-marker lat=-1.289690 lng=36.819814]Parlament von Kenia[/leaflet-marker]
[leaflet-marker lat=-1.282336 lng=36.816582]Goethe-Institut Nairobi[/leaflet-marker]
[leaflet-marker lat=-1.310113 lng=36.813378]@iLabAfrica[/leaflet-marker]
[leaflet-marker lat=-1.289223 lng=36.783191]iHub Nairobi[/leaflet-marker]

Wir probieren die VR-Brillen im Goethe-Institut aus

Das Goethe-Institut Nairobi wurde schon 1963 gegründet – also direkt nach der Unabhängigkeit des Landes. Seitdem setzt es sich für Sprachvermittlung, Kulturförderung und für die Verbreitung von Informationen über Deutschland ein.
Heute lernen jährlich 1.800 Kursteilnehmer*innen deutsch über das kenianische Goethe-Institut, Kinder und Erwachsene, Anfänger und Deutschlehrkräfte. Jährlich wird in Nairobi ein Deutsch Festival mit 1000 Teilnehmenden veranstaltet.

Im Bereich Kultur arbeitet das Goethe-Institut mit Kunst- und Kulturschaffenden aller Sparten zusammen, macht Workshops (für Capacity Building, z.B. in Virtual Reality Technologie – in Kooperation mit Berliner VR-Unternehmen), vernetzt sie (z.B. Autor*innen verschiedener afrikanischer Länder), veranstaltet jährlich ein LGBTI-Filmfestival, organisiert Lesereisen und Vorträge und lädt auch kenianische Kulturschaffende nach Deutschland ein.

Die Deutsch-lernenden möchten natürlich auch einmal in Deutschland studieren, aber ohne ein Sperrkonto mit 8.000€ bekommen sie kein Studienvisum. In einem Kand mit $350 Durchschnittseinkommen schließt das fast alle aus, egal wie begabt und motiviert sie sind. Die Nachfrage nach Deutschlehrkräften ist hoch, ab 2020 soll Deutsch als Wahlfach in Schulen angeboten werden. Noch ist völlig unklar, wo dafür die Lehrkräfte herkommen sollen.

Unmittelbar danach und am nächsten Tag, dem Tag 4 unserer Reise, besuchte unsere Delegation noch zwei Startup-Zentren. Das @iLabAfrica und den iHub Nairobi. Die folgenden Bilder sind vom @iLabAfrica, das zur Strathmore University gehört.

Beim @iLabAfrica zusammen mit Incubation Managerin Linda Kwamboka

Diese Uni hat Spitzenniveau und vermutet, dass sie die grünste Universität Afrikas ist. Sie versorgt sich zu 100% über erneuerbare Energien und verkauft sogar Überschussenergie. Das erste Solarsystem installierte Fraunhofer dort, seitdem wird die Anlage auch als Praxiskomponente in der Ausbildung zum Solaringenieur genutzt. Die Ausbildungsgänge sind sehr modern, neben den klassischen Fächern kann man dort auch einen Master of Science in Cyber Security, in Data Science, IT Security oder in Spectrum Management erwerben. Auch Deutsch kann man an der Uni lernen und 800 Studierende machen das. 

Inklusion versucht man zu stärken, beispielsweise durch ein „Autism Tech Training“ für Menschen im Autismus-Spectrum. Der Campus ist sehr schön, offen, hell und freundlich.

Ein 3D-gedruckter 3D-Drucker

Das iLab Africa ist vieles auf einmal, Startup Incubator (Incubation Manager: Linda Kwamboka), Co-Working Space- und Innovation-Centre. Einen Makerspace gibt es auch, ich konnte ihn aber nicht besichtigen, da er in einem anderen Gebäude war, für das unsere Zeit nicht reichte. Aber mir wurde ein selbst konstruierter 3D-Drucker in einem Nachbarraum des Labs gezeigt, selbst zusammengebaut, aus bereits gedruckten Teilen, recycelten Motoren und selbst gefertigten Metallteilen.
Das iLab hat sich übrigens auch am Random Hacks of Kindness beteiligt, einem globalen Hackathon, den ich auch schon dritte Mal in Berlin organisiert hatte (lang, lang ist’s her!).

Besonders faszinierte mich iHub Nairobi, mit neun Jahren der älteste iHub in Afrika. Zum iHub gehören Einrichtungen an anderen Orten, beispielsweise Gearbox, wo auf 20.000 Quadratfuß (1.858m²) eine offene Werkstatt viele Maschinen bereitstellt. Da gibts alles 3D-Drucker, Lasercutter, CNC Fräsen, Maschinen für Metallblech-Verarbeitung etc.

Man kann sie als Startup für Prototyping oder Kleinserien nutzen, aber auch als Handwerker testen, ob die eine oder andere Maschine sinnvoll in der eigenen Werkstatt ist und wenn ja, kann man sie über Gearbox auch kaufen. Ingenieur*innen bieten Trainings an. Ich wünschte, ich hätte diesen Mega-Makerspace besichtigen können!

Nekesa Were erzählt von iHub

Einen Software-Bereich hat der iHub aber auch. Geleitet wird iHub Nairobi von Nekesa Were, einer inspirierenden Powerfrau, die viel Wert auf Gender Diversity legt. iHub Nairobi engagiert sich für mehr weibliche Startups, von denen es auch dort nur 20–30% gibt. Wenn Frauen in Afrika gründen, kommen nach Datenerhebungen 90% der Profits der Community zu Gute (Gesundheit, Bildung, etc.), deshalb sind mehr Gründungen durch Frauen ein Faktor zur Entwicklung des Kontinents. Gegründet wird viel, aber viele Startups sterben einen vorzeitigen Tod, weil es zu wenig Erfahrung mit Gründungen gibt, strategisches KnowHow fehlt, oder im Team nicht alle benötigten Kompetenzen sind.
Es liegt nicht nur an mangelndem Geld, deshalb engagiert sich iHub vor allem auch im Kompetenzaufbau und in der Startup-Beratung. Aber auch Finanzierung wird vermittelt, für Incubation und Acceleration.

400 Startups aus Ostafrika wurden schon unterstützt, 70 davon durch Finanzierung, 40 Mio. Dollar wurden von Startups eingesammelt. Auch die Weltbank unterstützt iHub. Nebenbei unternimmt das iHub auch Research Aufgaben, sammelt Daten zu Themen wie Informationsfreiheit und digitale Gewalt gegen Frauen. Zu letzterem engagieren sie sich auch in der Praxis. Das coolste: iHub will ein dezentrales Netzwerk aufbauen, um Innovation und Gründungen auch im ländlichen Raum zu fördern. Gearbox wird dazu Makerspaces in Containern einrichten und im Land verteilen. Das hätte ich auch gern bei uns! 

Alle Bilder: CC-BY 4.0 Anke Domscheit-Berg